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        <article-title>Ein Lesebuch – Zwei Johnson-Geschichten</article-title>
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          <license-p><inline-graphic xlink:href="https://mirrors.creativecommons.org/presskit/buttons/88x31/svg/by.svg"/>This work is published under the Creative Commons   License 4.0 (CC BY 4.0 ).</license-p>
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    <sec id="p-iu3fefeun9avf" sec-type="free">
      <p id="p-iu3-f3ce9421"><bold>Zusammenfassung.</bold> Zum zehnjährigen Jubiläum des <italic>Literarischen Lesebuchs Uwe Johnson</italic> blicken Heike Wittenburg und Heide Meincke, beide Deutschlehrerinnen am John-Brinckman-Gymnasium Güstrow, in einem gemeinsamen Erfahrungsbericht auf Entstehung und schulischen Einsatz dieses Lehr- und Lesebuchs zurück. Ausgehend von ihren individuellen biografischen Zugängen zu Uwe Johnson – von Wittenburgs schrittweiser Annäherung als Schülerin und dann Lehrerin an ebenjener Schule bis zu Meinckes Mitarbeit am Rostocker Lehrstuhl Holger Helbigs –, rekonstruieren die Autorinnen den Weg vom Pilotprojekt »Johnson in der Schule« (2010) bis zur landesweiten Verbreitung des Lesebuchs an allen Schulen Mecklenburg-Vorpommerns. Anhand konkreter Unterrichtsbeispiele zeigen sie die didaktische Vielfalt des Lesebuchs von der Sekundarstufe I bis zur Oberstufe. Gleichzeitig ist der Beitrag auch ein wichtiger Fingerzeig darauf, dass die schulische Verankerung Johnsons, trotz etablierter Materialien, dauerhaft nur erfolgreich sein kann, wenn institutionelle Unterstützung, persönliches Engagement sowie kontinuierliche Aus- und Weiterbildung Hand in Hand gehen.</p>
      <p id="sggusbofks62s"><bold>Abstract.</bold> To mark the tenth anniversary of the <italic>Literarisches Lesebuch Uwe Johnson</italic>, Heike Wittenburg and Heide Meincke – both German teachers at the John-Brinckman-Gymnasium in Güstrow – reflect on the development and classroom use of this textbook and reader in a joint report. Drawing on their individual biographical connections to Uwe Johnson – from Wittenburg’s gradual engagement with him as a student and later as a teacher at that very school, to Meincke’s work at Holger Helbig’s chair in Rostock –, the authors trace the journey from the pilot project »Johnson in der Schule« (2010) to the state-wide distribution of the reader to all schools in Mecklenburg-Western Pomerania. Using specific examples from the classroom, they demonstrate the reader’s didactic diversity from lower to upper secondary level. At the same time, this article also serves as an important reminder that, despite established materials, embedding Johnson into schools can only be permanently achieved if institutional support, personal commitment as well as ongoing training go hand in hand.</p>
    </sec>
    <sec id="p-abc71269-8304-49ae-a896-947109524922" sec-type="free">
      <p id="abc71269-8304-49ae-a896-947109524922">Vor zehn Jahren erhielten alle Gymnasien des Landes Mecklenburg-Vorpommern eine besondere Lieferung: In großen Paketen kamen hellblau eingeschlagene Bücher an – die <italic>Literarischen Lesebücher Uwe Johnson</italic> oder, wie wir sie im Alltag kurz nennen, die ›Johnson-Lesebücher‹. Der hier versuchte Rückblick und Erfahrungsbericht über eine Dekade ›Johnson-Lesebuch‹ kann zwangsläufig nur einer von vielen möglichen sein und fußt mittelbar doch auf dem Wissen und den Erfahrungen vieler Unterstützer:innen und Johnson-Lehrkräfte, die die Entstehung dieses Buches von der ersten Idee bis zum Druck begleitet haben. Die Autorinnen dieses Textes verbindet nicht nur die Affinität zu Johnson, sondern auch wie diese teils zufällig und über mehrere Anläufe entstand, letztendlich sogar an die gleiche Schule führte: das John-Brinckman-Gymnasium in Güstrow, wo Heike Wittenburg bis zu ihrem Ruhestand 2024 als Deutschlehrerin tätig war und Heide Meincke drei Jahre zuvor im selben Fach zu unterrichten begann. Die Anfänge dieser Verbindung wie auch das Zustandekommen des Johnson-Lesebuchs liegen allerdings deutlich weiter zurück.</p>
      <p id="a8e5e8df-446c-4e71-b786-296297e34856">Heike Wittenburgs Geschichte mit Uwe Johnson begann vor mehr als 50 Jahren in Güstrow.</p>
      <p id="bcf08253-e332-48c3-9c27-d409eb7e4ea7">1974 bekam ich die Erlaubnis, mein Abitur mit der 9. Klasse an der Erweiterten Oberschule (EOS) John Brinckman zu starten. Ich betrat durch den Haupteingang das ehrwürdige Gebäude und es eroberte mich mit demselben, etwas abgewohnten Charme, wie es wahrscheinlich schon bei Johnson geschah, wenn man die Beschreibungen in <italic>Ingrid Babendererde</italic> so deuten möchte. Ich folgte nun täglich dem Treppenhaus in den dritten Stock, vorbei an der »schöne[n] Aula. An den Wänden war gutes altes Holz«,<xref ref-type="fn" rid="bb1b1ea6-a9f5-47c0-a458-8c9313b62a16">1</xref> und ging den Flur bis zum letzten Raum entlang, damals R 208, ohne zu wissen, dass ein namhafter Schriftsteller darin seine Zeit bis zur Reifeprüfung verbracht hatte. Auch ich schaute aus den Fenstern auf den Domplatz mit dem alles überragenden Domturm. Und natürlich weilte ich zusammen mit meinen Freunden im Bootshaus am Inselsee, das ausgestattet mit einigen schmalen Ruderbooten zur Schule gehörte, und versuchte mein Glück beim Rudern im Zweier, wackelig und ehrgeizlos, aber glücklich in Wind und Sonnenschein.</p>
      <p id="acba3516-3f4f-46c2-b93b-64def91b6dc7">1978 begann ich mein Pädagogikstudium in den Fächern Deutsch und Russisch, ebenfalls in Güstrow. Ich wohnte ab dem zweiten Studienjahr in der Grabenstraße, der Weg nach Hause führte mich nahezu täglich über die Schanze, an den Domwiesen und der John-Brinckman-Schule vorbei und über den Wall nach Hause – Johnson ging in seiner Zeit dann weiter bis zum Ulrichplatz. In vier Jahren lernte ich auch im Bereich Literatur viele interessante, aber eben über einseitig politisch dominierte Lehrpläne Schriftstellerpersönlichkeiten und ihre Werke kennen, ein Uwe Johnson gehörte natürlich nicht dazu.</p>
      <p id="a88096fa-4ee5-43da-ab33-7d062bf82085">An der Pädagogischen Hochschule begegnete ich Anneliese Klug – Dozentin im Bereich Grammatik/Morphologie. Ich ahnte nicht, dass ihr Mann Hans-Jürgen Klug, Englischlehrer an meiner EOS, Uwe Johnson als Schüler kannte. Zusammen mit seiner Frau machte er es sich nach der Wende zur Aufgabe, den Autor Johnson nun endlich in Güstrow bekannt zu machen. Die Begegnung mit Frau Klug war meine letzte unbewusste Johnson-Berührung. Denn als ich mich 1991, nach 9 Jahren Lehrtätigkeit auf dem Lande, erfolgreich für das John-Brinckman-Gymnasium bewarb, schloss sich der Kreis und endlich trat Uwe Johnson durch das Ehepaar Klug bewusst in mein Leben – sie machten uns in einer Weiterbildung auf Johnson aufmerksam und appellierten dafür, ihn als ehemaligen Schüler und Güstrower endlich dort zu lesen, wohin er in Wahrheit gehörte.</p>
      <p id="a1725d5d-5ae1-432e-9256-b057d902d0ed">Es dauerte ein paar Jahre, bis an unserer Schule das Bewusstsein für Johnson reifte. Diesen Prozess beförderten auch unzählige Reisende, die immer wieder an unsere Schultür klopften auf den Spuren von Johnsons <italic>Ingrid Babendererde</italic>.</p>
      <p id="a16093b1-329c-413d-9436-9c48361c1614">Und da war die Bitte unseres Schulleiters Helmut Hickisch an die Deutschlehrer:innen, sich mehr mit Johnson zu beschäftigen, nun nicht mehr zu ignorieren: Es musste etwas geschehen. Jedoch gab es viele Aufgaben im Lehrer:innendasein, deshalb meldete sich zunächst niemand und so nahm ich mich als Fachschaftsvorsitzende im Bereich Deutsch dieser Bitte, eher als Pflicht, denn als Leidenschaft, an und startete im Rahmen eines Projektunterrichtes gemeinsam mit Schüler:innen der 11. bis 13. Klasse den Versuch, diesem Autor näherzukommen.</p>
      <p id="a9b9e074-2a2a-4905-9b52-bb8c8587c4a1">Es war kein einfacher Weg, aber ich hätte mir nicht träumen lassen, wie interessant die Arbeit mit den Schüler:innen sein würde. Wir konzentrierten uns vor allem auf Johnsons Jugend und sein bis dato verkanntes, posthum erschienenes Werk <italic>Ingrid Babendererde</italic>, denn hier konnten die Schüler:innen den Gleichaltrigen einer anderen Zeit begegnen, die doch ähnliche Probleme mit den gleichen alltagsbestimmenden Themen bestritten: Freundschaft, Wahrhaftigkeit, junge Liebe, soziale und politische Konflikte sowie deren Lösung oder das Daran-Scheitern, dem kritischen Blick auf die Erwachsenen und ihre Schule, wenn sie auch einen anderen Namen trug.</p>
      <p id="a29ae67c-89b0-4a3b-8db3-ae187a563b08">Es lag nahe zu recherchieren, ob die Hetzkampagne der DDR-Regierung gegen die Junge Gemeinde nur eine literarische Idee gewesen sei, und plötzlich veränderte sich der Blick auf den gegenüberliegenden Dom, wissend, dass hier auch Schulgeschichte verhandelt wurde.</p>
      <p id="ab9e77fb-164e-43da-82ec-f0eeaaece660">Im Laufe der 2000er Jahre wurde Uwe Johnson zu einem der bedeutendsten Alumni unserer Schule. Neben regelmäßigen Führungen für Touristengruppen mit szenischen Darstellungen von Schüler:innen und Theaterinszenierungen der Oberstufe, die sogar an Partnerschulen aufgeführt wurden, trug nicht zuletzt auch die Johnson-Stele vor dem Schulgebäude dazu bei. Und noch vor der Empfehlung im Rahmenplan von M-V einigte sich unsere Deutschfachschaft darauf, Johnsons Erstling <italic>Ingrid</italic> im Unterricht der 10. Klasse zu behandeln.</p>
      <p id="a96a8166-7a87-4268-8927-2e31a9f802f4">Wir fuhren sogar für eine Woche nach Frankfurt am Main, um im damaligen Uwe Johnson-Archiv unter Anleitung von Eberhard Fahlke, dem Leiter des Archivs, originale Handschriften Johnsons einzusehen. Besonders der mit Möbeln aus Johnsons Arbeitszimmer eingerichtete Leseraum dort verfehlte seine Wirkung bei uns nicht.</p>
      <p id="c4850e94-bb7f-4b90-b61d-3148592a26be">Durch eine unserer Johnson-Führungen entstand 2010 der Kontakt mit Holger Helbig und der Uwe Johnson-Gesellschaft. Als Highlight muss hier eine sehr besondere Woche genannt werden, diese war das Pilotprojekt des universitätsgeförderten Vorhabens »Johnson in der Schule«. Rostocker Studierende, didaktisch und literaturwissenschaftlich angeleitet u.a. durch Helbig, brachten den Güstrower Schüler:innen Uwe Johnson und dessen Texte durch gemeinsame Arbeit in Kleingruppen näher. Abgeschlossen wurde diese Woche mit der Präsentation aller Gruppenergebnisse, deren Vielfalt und Kreativität das geladene Publikum beeindruckte.<xref ref-type="fn" rid="a4662cac-2464-4a9e-9bbb-4d3e6034b265">2</xref> Es war eine inspirierende Woche, für alle Beteiligten gleichermaßen, und brachte zahlreiche neue Johnson-Begegnungen hervor.</p>
      <p id="c8dc6fd0-b8e5-4336-bd2a-948b0ee31749">Heide Meincke nahm vorrangig als Studentin an dem Pilotprojekt in Güstrow teil, ihre Johnson-Geschichte begann aber schon etwas früher, und zwar in Rostock.</p>
      <p id="a8f065fe-a5eb-4cbe-95c8-658facecb682">Ein Jahr vor dem erfolgreichen Praxistest des Vorhabens »Johnson in der Schule« hatte ich am Lehrstuhl von Holger Helbig als studentische Mitarbeiterin begonnen. Im Zuge dessen war ich natürlich motiviert, mich mit Johnsons Werk zu beschäftigen, und las als erstes <italic>Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953</italic> – bis heute mein Lieblingsbuch von Johnson.</p>
      <p id="ad984c64-f35e-45c9-b4dc-99b62c7a8760">Nach dem Pilotprojekt in Güstrow hatten wir Studierende nicht nur Lust auf Schule, sondern auch auf Johnson. Rückblickend würde ich behaupten, manchen Schüler:innen ging es ähnlich. Dieser erfolgreiche Auftakt ließ die Gewissheit wachsen, dass das Vorhaben »Johnson in der Schule« seine Berechtigung hatte, der Autor genau dorthin gehörte und die Projekte weitergeführt werden sollten, bestenfalls kontinuierlich über den damaligen Förderzeitraum hinaus. Aus diesem Wunsch nach Verstetigung und Inspiration für andere Lehrkräfte, sich an Johnson zu wagen, erwuchs eine Idee. Fünf Jahre, drei weitere Schulprojekte, zwei Workshops mit Lehrer:innen und Studierenden und unzählige Arbeitsstunden unseres kleinen Herausgeber:innenteams später war aus der Idee ein handfestes Angebot für den Deutschunterricht in M-V geworden: Das ›Johnson-Lesebuch‹ ging 2016 in den Druck.<xref ref-type="fn" rid="fcff8c68-4224-40b6-9614-ed6f7fc1662a">3</xref></p>
      <p id="b246aa88-3401-4ab0-9fb7-d9731fd59af6">Wie schon zuvor mit »Johnson in der Schule« profitierten wir auch bei der Arbeit am Lesebuch von Heike Wittenburgs zahlreichen Erfahrungen aus der Praxis – ebenso jenen vieler anderer Lehrkräfte. Ich selbst war Referendarin, als das ›Johnson-Lesebuch<italic>‹</italic> erschien. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Lesebuch-Lieferung im Sekretariat meiner Ausbildungsschule ankam und mich die Schulleiterin als Herausgeberin erkannte. Als ich kurz darauf der Deutschfachschaft das Lesebuch vorstellte, war aus dem Wunsch nach dem Pilotprojekt in Güstrow Realität geworden: Johnson war in der Schule angekommen, an allen Schulen unseres Bundeslandes.<xref ref-type="fn" rid="ad5746c6-c0c4-488a-807d-8e313573bcc0">4</xref></p>
      <p id="a6285f12-d968-4959-8be8-4c1980b30307">Nach einiger Zeit im Schuldienst ergab sich 2021 die Möglichkeit, als Deutschlehrerin ans John-Brinckman-Gymnasium nach Güstrow zu wechseln. Heike Wittenburg war nun meine Kollegin und Fachschaftsleiterin geworden und ich Teil der einstigen Schule Johnsons. Auch unter dem neuen Schulleiter Jan Rädke blieb Johnson fest in der Schulagenda verankert. Ich traf sogar einige bekannte Gesichter aus den Rostocker Johnson-Projekten wieder: Ulrike Drews, Maria Ide, später Martin Fietze. Mehr als gute Voraussetzungen für die Arbeit mit Johnson im Unterricht. Wie von Heike Wittenburg fast zwei Jahrzehnte zuvor etabliert, war und ist <italic>Ingrid Babendererde</italic> fester Bestandteil des Lehrplans für die 10. Klassen. Mit dem Lesebuch können wir nun eine Vorauswahl treffen, um das Werk in Auszügen zu behandeln und den Schüler:innen zusätzliche Informationen an die Hand zu geben.</p>
      <p id="ab53eb21-7d26-4e73-b0fa-40cbafd241ab">Neben dem <italic>Ingrid</italic>-Roman unterrichte ich besonders gern den Text <italic>Ach! Sie sind ein Deutscher?</italic>.<xref ref-type="fn" rid="a0cc879e-d989-4559-8279-7d9d8f290336">5</xref> Am Ende des 9. Schuljahres haben die Schüler:innen ein umfangreiches Wissen über den Zweiten Weltkrieg, seine Folgen und die deutsche Schuld. Der kurze Prosatext thematisiert die Erwartungshaltung eines Deutschen zu Gast in einer englischen Kleinstadt 30 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Schüler:innen fällt es leicht, die eigenen Erfahrungen mit Stereotypen aus dem Urlaub im Ausland abzugleichen; sie blicken aus sicherer Distanz auf die fiktive Situation und setzen sich mit der Relevanz von deutscher Schuld damals wie heute auseinander.</p>
      <p id="cc016ada-ef45-40cd-9276-3ac894fc9bab">Ein guter Einstieg in die Arbeit mit Johnson bietet sich in Güstrow auch über die Johnson-Stele vor der Schule an, wo ich die Schüler:innen beispielsweise raten lasse, wie alt der Mann vor ihnen ist bzw. wann er gelebt haben könnte. Das Überraschungsmoment ist entsprechend groß, wenn sie dann erfahren, dass die Stele einen ehemaligen Schüler ihrer eigenen Schule zeigt und keine literarische Persönlichkeit aus fernen Zeiten. Darauf aufbauend schauen wir uns Johnsons im Lesebuch abgedruckten Schulaufsatz <italic>Darstellung meiner Entwicklung</italic> an, den er 1952 im Vorfeld seiner Abiturprüfungen schreiben musste.<xref ref-type="fn" rid="a1e023a9-eda7-4ec3-b8c7-d77e6e483467">6</xref> Auch hier finden die Schüler:innen ganz naheliegend Parallelen zu ihrem eigenen Leben – das erste Bewerbungs- und Motivationsschreiben in Klasse 9, das sich für die jungen Menschen häufig auch anfühlt wie ein Verbiegen für bestimmte Erwartungshaltungen. Die Klugheit des jungen Johnsons versetzt mitunter ins Staunen und am Ende der Stunde folgt nicht selten das Geständnis, schon gerne neben Johnson gesessen haben zu wollen – bei dem hätte man sicher gut abschreiben können.</p>
      <p id="a31b19c4-7667-4c84-9ed2-842e55654f22">Der praktische Deutschunterricht zu Uwe Johnson gestaltet sich so vielfältig, wie das Angebot seines Lesebuchs. Dank der Bildimpulse zum Beispiel – man denke da an den rauchenden Johnson vor einem Landschaftspanorama bei Güstrow – ziehen die Schüler:innen fast automatisch Vergleiche zu ihrer Alltagswelt und Umgebung. Zuweilen erzählen sie auch von ihren Großeltern, von denen nicht selten jemand noch einen anderen kannte, der Johnson persönlich begegnet war. Aber auch hochaktuelle Themen wie staatliche Zensur und Flucht werden für die Schüler:innen anhand von Johnsons Biografie greifbar. Und nicht zuletzt bieten die ebenfalls vorhandenen Schreibvorlagen den Schüler:innen einen niedrigschwelligen Zugang für eigene kreative Schreibprozesse à la Marie Cresspahls Aufsatz »Ich schaue aus dem Fenster«.<xref ref-type="fn" rid="a402e387-2b9c-4d4d-bbd4-8b78aa096129">7</xref></p>
      <p id="a2b1bba0-32f3-4e33-a4a7-d5d0d2453af0">Diese und viele andere Momente aus den letzten knapp zehn Jahren haben mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass das Lesebuch von Klasse 5 bis in die Oberstufe ganz unterschiedlich eingesetzt werden kann. Unabhängig davon bleibt aber, wie einst bei Heike Wittenburg, eine motivierte und engagierte Lehrkraft die entscheidende Voraussetzung für Johnson im Deutschunterricht. Bei vollen Rahmenplänen und Notendruck ist leider selbst das nicht immer ein Garant dafür. Manchmal geht es auch klein: Mir hat das Lesebuch schon so einige spontane Vertretungsstunden gerettet.</p>
      <p id="a20bbd0e-1b53-4cfb-a205-7de84ed2ab5b">Nicht zu vergessen die vielen Möglichkeiten für den Einsatz des Lesebuchs über den klassischen Schulunterricht hinaus: 2022 schlug der Leiter der Uwe Johnson-Bibliothek Tilmann Wesolowski vor, in einem gemeinsamen Projekt Uwe Johnsons Spuren in Güstrow sichtbar zu machen. Zusammen mit meinem Wahlpflichtkurs der Klassen 9 und 10 erarbeiteten wir einen Actionbound – eine Art digitale Schnitzeljagd – zu Johnson und seinem <italic>Ingrid</italic>-Roman, der sogar 2023 mit dem Schulpreis der Uwe Johnson-Gesellschaft ausgezeichnet wurde und heute von Bibliothek und Touristik-Information als Spaziergang für Johnson-Liebhaber:innen beworben wird.</p>
      <p id="a8319323-1b76-44f1-a1f8-cf3f003a342d">In diese Reihung untypischer Unterrichtsformate zählt auch eine dramatische Adaption von <italic>Ingrid Babendererde</italic> im Schuljahr 2023/24, die mit einer öffentlichen Probe in jener Aula, die auch Ingrids hätte sein können, einen besonderen Höhepunkt bot. Im Vorfeld hatte mein Theaterkurs der Oberstufe Johnsons Erstling zum Bühnenstück umgeschrieben. Dabei übernahmen wir einige Szenen aus einem alten Textbuch, das – wie sollte es anders sein – Heike Wittenburg Jahre zuvor mit ihren Schüler:innen erarbeitet hatte. Das Lesebuch half beim Zugang zum <italic>Ingrid</italic>-Stoff. In der Aula brachten wir mit der <italic>Ingrid</italic>-Rede einen ersten Auszug auf die Bühne, das gesamte Stück präsentierten wir zum Ende des Schuljahres als Teil eines Schultheaterabends im Güstrower Ernst-Barlach-Theater.</p>
      <p id="a0762a0e-2da5-4ec8-8142-e29410f490ff">Im selben Sommer ging Heike Wittenburg in den wohlverdienten Ruhestand. Ich habe ihre Nachfolge als Fachschaftsleitung Deutsch angetreten und wie sie zuvor versuche auch ich, meinem Deutsch-Kollegium und meinen Schüler:innen die Bedeutsamkeit Johnsons zu vermitteln. Die Deutsch-Lehrkräfte sind vertraut mit dem Lesebuch und dessen vielfältigen Einsatzmöglichkeiten – auch in der Sekundarstufe 1; sie kennen die Website der Uwe Johnson-Gesellschaft mit den zusätzlichen Materialien aus den diversen Schulprojekten;<xref ref-type="fn" rid="c9d93b42-f84e-4a59-8cfe-4a0bbbe45ce5">8</xref> sie wissen, dass ihnen interessierte und Johnson-erfahrene Kolleg:innen jederzeit zur Seite stehen.</p>
      <p id="a85a5e67-4813-488f-8c73-ba00018b5a65">Auch wenn die Voraussetzungen in Güstrow besondere sein mögen, so gilt hier dennoch wie an jeder anderen Schule in M-V: Das Lesebuch kann auch zehn Jahre nach Erscheinen nur eine Unterstützung sein. Ohne Lehramtsstudierende, denen der Mehrwert Johnsons für den Unterricht schon an der Universität vermittelt wird, und ohne Weiterbildungen für Referendar:innen sowie bereits aktive Lehrkräfte wird die zur Realität gewordene Idee nicht überdauern.</p>
      <p id="c3380cc7-6b37-45d7-a073-7acd134f3b47">Was sich am Beispiel von Heike Wittenburgs Biografie gut sehen lässt: Gerade Lehrer:innen brauchen mehrere Begegnungen, um sich einem, vielleicht auch diesem Autor zuzuwenden. Eine wichtige Aufgabe der Rostocker Johnson-Institutionen wird es auch zukünftig bleiben, solche Begegnungen zu ermöglichen. Das gleiche gilt für die qualitätssichernden Bildungseinrichtungen des Landes M-V, in deren Verantwortlichkeit es fällt, das Bewusstsein für diesen Autor auch mittels Weiterbildungen von Lehrkräften kontinuierlich hochzuhalten. Das Lesebuch selbst ist dafür die beste Grundlage und steht bereits überall in den Regalen. Wie schon bei den Anfängen des <italic>Literarischen Lesebuchs</italic> kann Johnson auch zehn Jahre nach Erscheinen nur durch das Engagement vieler Bestandteil des Deutschunterrichts bleiben.</p>
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        <mixed-citation>Uwe Johnson: Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953, Frankfurt am Main 1985.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Heide Meincke: Reifeprüfung 2011. Uwe Johnson in der Schule, in: Johnson-Jahrbuch 18, 2011, S. 179-183.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Heide Meincke: »Allerdings waren sie überaus zusammen in einem Boot«. Über die Manuskripterstellung des Johnson-Lesebuchs für die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern, in: Johnson-Jahrbuch 22, 2015, S. 307-313.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Svenja Ober / Isabelle Pejic: Johnson am Sonnenberg. Von der Arbeit mit dem <italic>Literarischen Lesebuch Uwe Johnson</italic> an einem Gymnasium in Crivitz, in: Johnson-Jahrbuch 24, 2017, S. 297-300.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Uwe Johnson: Ach! Sie sind ein Deutscher?, in: Heide Meincke / Julia Eimicke / Holger Helbig (Hg.): Literarisches Lesebuch Uwe Johnson, Ulm 2016, S. 138-140.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Uwe Johnson: Darstellung meiner Entwicklung (Transkription), in: Heide Meincke / Julia Eimicke / Holger Helbig (Hg.): Literarisches Lesebuch Uwe Johnson, Ulm 2016, S. 14-17.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, 15. Oktober, 1967 Sonntag, in: Heide Meincke / Julia Eimicke / Holger Helbig (Hg.): Literarisches Lesebuch Uwe Johnson, Ulm 2016, S. 77-80.</mixed-citation>
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        <mixed-citation>Uwe Johnson-Gesellschaft: Uwe Johnson in der Schule, URL: <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://www.uwe-johnson-gesellschaft.de/johnson-in-der-schule.html">https://www.uwe-johnson-gesellschaft.de/johnson-in-der-schule.html</ext-link> (17.6.2026).</mixed-citation>
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      <fn id="bb1b1ea6-a9f5-47c0-a458-8c9313b62a16">
        <label>1</label>
        <p> Uwe Johnson: Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953, Frankfurt am Main 1985 [1], S. 140.</p>
      </fn>
      <fn id="a4662cac-2464-4a9e-9bbb-4d3e6034b265">
        <label>2</label>
        <p> Siehe dazu Heide Meincke: Reifeprüfung 2011. Uwe Johnson in der Schule, in: Johnson-Jahrbuch 18, 2011, S. 179-183. [2]</p>
      </fn>
      <fn id="fcff8c68-4224-40b6-9614-ed6f7fc1662a">
        <label>3</label>
        <p> Siehe dazu Heide Meincke: »Allerdings waren sie überaus zusammen in einem Boot«. Über die Manuskripterstellung des Johnson-Lesebuchs für die Schulen in Mecklenburg-Vorpommern, in: Johnson-Jahrbuch 22, 2015, S. 307-313. [3]</p>
      </fn>
      <fn id="ad5746c6-c0c4-488a-807d-8e313573bcc0">
        <label>4</label>
        <p> Vgl. dazu exemplarisch Svenja Ober / Isabelle Pejic: Johnson am Sonnenberg. Von der Arbeit mit dem <italic>Literarischen Lesebuch Uwe Johnson</italic> an einem Gymnasium in Crivitz, in: Johnson-Jahrbuch 24, 2017, S. 297-300. [4]</p>
      </fn>
      <fn id="a0cc879e-d989-4559-8279-7d9d8f290336">
        <label>5</label>
        <p> Vgl. Uwe Johnson: Ach! Sie sind ein Deutscher?, in: Heide Meincke / Julia Eimicke / Holger Helbig (Hg.): Literarisches Lesebuch Uwe Johnson, Ulm 2016, S. 138-140. [5]</p>
      </fn>
      <fn id="a1e023a9-eda7-4ec3-b8c7-d77e6e483467">
        <label>6</label>
        <p> Vgl. Uwe Johnson: Darstellung meiner Entwicklung (Transkription), in Heide Meincke / Julia Eimicke / Holger Helbig (Hg.): Literarisches Lesebuch Uwe Johnson, Ulm 2016, S. 14-17. [6]</p>
      </fn>
      <fn id="a402e387-2b9c-4d4d-bbd4-8b78aa096129">
        <label>7</label>
        <p> Vgl. Uwe Johnson: Jahrestage. Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, 15. Oktober, 1967 Sonntag, in: Heide Meincke / Julia Eimicke / Holger Helbig (Hg.): Literarisches Lesebuch Uwe Johnson, Ulm 2016, S. 77-80. [7]</p>
      </fn>
      <fn id="c9d93b42-f84e-4a59-8cfe-4a0bbbe45ce5">
        <label>8</label>
        <p> Uwe Johnson-Gesellschaft: Uwe Johnson in der Schule, URL: <ext-link ext-link-type="uri" xlink:href="https://www.uwe-johnson-gesellschaft.de/johnson-in-der-schule.html">https://www.uwe-johnson-gesellschaft.de/johnson-in-der-schule.html</ext-link> (17.6.2026). [8]</p>
      </fn>
    </fn-group>
  </back>
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