<?xml version="1.0" encoding="utf-8" standalone="yes"?>
<!DOCTYPE article PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Publishing DTD v1.3 20210610//EN" "https://jats.nlm.nih.gov/publishing/1.3/JATS-journalpublishing1-3.dtd">
<article xmlns:mml="http://www.w3.org/1998/Math/MathML" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xml:lang="en-US" article-type="originalsarticle" dtd-version="1.0">
  <front>
    <journal-meta>
      <journal-id journal-id-type="publisher-id">jojo</journal-id>
      <issn pub-type="epub">2944-8093</issn>
      <publisher>
        <publisher-name>TIB Open Publishing (Technische Informationsbibliothek (TIB))</publisher-name>
      </publisher>
    </journal-meta>
    <article-meta>
      <title-group>
        <article-title>Illusion der Selbstverstehung</article-title>
        <subtitle>Zu: Philipp Steiner: Die Suche der Kritik. Uwe Johnson als Intellektueller in den langen 1960er Jahren, Göttingen 2025. </subtitle>
      </title-group>
      <contrib-group content-type="author">
        <contrib contrib-type="person">
          <name>
            <surname>Hagestedt</surname>
            <given-names>Lutz</given-names>
          </name>
          <email>lutz.hagestedt@uni-rostock.de</email>
          <xref ref-type="aff" rid="aff-1"/>
        </contrib>
      </contrib-group>
      <aff id="aff-1">
        <institution>Universität Rostock</institution>
        <country>Germany</country>
      </aff>
      <permissions>
        <copyright-statement>© 2026 The Author(s)</copyright-statement>
        <copyright-year>2026</copyright-year>
        <license license-type="open-access" xlink:href="https://creativecommons.org/licenses/by/4.0" xml:lang="en">
          <license-p><inline-graphic xlink:href="https://mirrors.creativecommons.org/presskit/buttons/88x31/svg/by.svg"/>This work is published under the Creative Commons   License 4.0 (CC BY 4.0 ).</license-p>
        </license>
      </permissions>
      <pub-date pub-type="epub">
        <day>31</day>
        <month>07</month>
        <year>2026</year>
      </pub-date>
      <fpage>1</fpage>
      <lpage>13</lpage>
      <history>
        <date type="received" iso-8601-date="2026-07-15">
          <day>15</day>
          <month>07</month>
          <year>2026</year>
        </date>
        <date type="published" iso-8601-date="2026-07-31">
          <day>31</day>
          <month>07</month>
          <year>2026</year>
        </date>
      </history>
    </article-meta>
  </front>
  <body>
    <sec id="p-znui6pjpgps8o" sec-type="free">
      <p id="p-znu-f3ce9421"><bold>Zusammenfassung.</bold> Philipp Steiners Dissertation <italic>Die Suche der Kritik. Uwe Johnson als Intellektueller in den langen 1960er Jahren</italic> untersucht Johnsons Rolle als Intellektueller im literarischen Feld der frühen Bundesrepublik und im deutsch-deutschen Systemkonflikt. Steiner stützt sich auf aktuelle Intellektuellendefinitionen (u. a. Gallus, Reckwitz) sowie Bourdieus Feldtheorie, um Johnsons Positionierung anhand zentraler Stationen nachzuzeichnen: der Auseinandersetzung mit Hermann Kesten, der Fernsehkritiken im <italic>Tagesspiegel</italic> und eines bislang unbeachteten Vortrags in Yale 1967. Ein großes Verdienst der Arbeit ist die Einbindung von bisher unveröffentlichtem Archivmaterial, das jedoch leider mehr nur präsentiert denn interpretiert wird. Im Ergebnis deutet Steiner Johnson als politisch »neutral«, statt seine differenzierte Positionierung bzw. gezielte Nicht-Positionierung erschöpfend zu ergründen. Gleichwohl handelt sich bei Steiners Studie um einen ersten umfassenden Versuch, Johnsons komplexes Verhältnis zu Kritik, Protest und intellektueller Unabhängigkeit systematisch zu erschließen.</p>
      <p id="tposdmgvg8ym"><bold>Abstract.</bold> Philipp Steiner’s doctoral thesis <italic>Die Suche der Kritik. Uwe Johnson als Intellektueller in den langen 1960er Jahren </italic>examines Johnson’s role as an intellectual in the literary field of the early Federal Republic and in the inter-German systemic conflict. Steiner draws on current definitions of the intellectual (incl. Gallus, Reckwitz) as well as Bourdieu’s field theory, in order to trace Johnson’s positioning through key stages: the dispute with Hermann Kesten, the TV reviews in the <italic>Tagesspiegel</italic> and a previously unnoticed lecture given at Yale in 1967. One of the work’s great merits is the inclusion of previously unpublished archival material, which, unfortunately, is merely presented rather than interpreted. Ultimately, Steiner reads Johnson as politically »neutral« instead of exhaustively exploring his nuanced positioning, or deliberate non-positioning. Nonetheless, Steiner’s study represents a first comprehensive attempt at systematically elucidating Johnson’s complex relationship with criticism, protest and intellectual autonomy.</p>
    </sec>
    <sec id="p-ba8b4324-48e9-4f42-a1f1-3e281b1f13c8" sec-type="free">
      <p id="ba8b4324-48e9-4f42-a1f1-3e281b1f13c8">1967 beklagte Karl Markus Michel, Lektor und Redakteur, in der Zeitschrift <italic>Kursbuch</italic> den Bedeutungsverlust des Intellektuellen als sozial und geistig profiliertem Vordenker.<xref ref-type="fn" rid="a5ffdb05-2d2e-406b-8871-cd72b7b03bc1">1</xref> Das schien einigermaßen realitätsblind zu sein, da dieser Typus gerade in jenen Jahren der Studentenrevolte, des Kalten Krieges und der Auschwitz-Prozesse immens einflussreich war. Die Selbstwirksamkeit des Intellektuellen erwies sich beispielsweise anhand der Person des Frankfurter Staatsanwaltes Fritz Bauer, der alle Widerstände der ›alten‹ Bundesrepublik – und die waren beträchtlich – überwand und gegen Robert Mulka und andere das Verfahren eröffnete. Die Intellektuellen jener Jahre saßen dabei und berichteten.</p>
      <p id="ac143c08-aea9-4e46-b530-1fa3779270d8">Es ist ein Topos, dass sogar höchst einflussreiche Gelehrte ihr eigenes Tun als irrelevant erleben, und solche Empfindungen ließen sich sogar für Kapazitäten wie Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen nachweisen, für Jean Paul Sartre ebenso wie für Helmut Schelsky. Doch wie passt das in die damalige Zeit? Denn war nicht mit Politikern wie Willy Brandt ein neuer Typus aufgetreten, der den Rat und die Nähe externer Berater geradezu suchte, und scharten sich nicht Schriftsteller wie Günter Grass, Sozialphilosophen wie Jürgen Habermas und Historiker wie Arnulf Baring um die Zentren der Macht?</p>
      <p id="a36494cc-e67f-4d90-9ad0-88d6e0e70003">Nun hatte Karl Markus Michel als kleiner Redakteur in einem Publikumsverlag einen mächtigen Chef, der die Richtlinien ›seines‹ Programms bestimmte und der sich das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen ließ – auch nicht, als einige seiner Lektoren den Aufstand probten und die Vergesellschaftung des Unternehmens forderten. Sie mussten unterliegen und ihre relative Ohnmacht erkennen. Es mag jene Stimmungslage gewesen sein, in der Michel seine Klage führte. Doch die angeblich ›sprachlose‹ Intelligenz war wortmächtig wie nie, und wohl auch frei wie nie.</p>
      <p id="a8122704-f942-466b-8289-8d1fbcf70eda">Philipp Steiner versucht, diesen Typus des »Intellektuellen« anhand aktueller Definitionen aus dem 21. Jahrhundert dingfest zu machen – er zitiert bedeutende Stimmen wie Alexander Gallus oder Andreas Reckwitz –, doch hätte ich es passender gefunden, die Selbstwahrnehmung zeitgenössischer Autoritäten (Gehlen und Schelsky auf der konservativen, Adorno und Marcuse auf der progressiven Seite) abzubilden und auf ihre historischen Vorbilder (darunter prominent ihr aller Übervater Max Weber) zu beziehen. Zwar hatten jene weiland kaum Distanz zum fraglichen Zeitfenster, das Steiner in seinen Fokus rückt, den »langen 1960er Jahren«, doch haben <italic>wir</italic> Nachgeborenen diesen Abstand mittlerweile gewonnen und könn(t)en das Gewinnbringende ebenso wie das Abwegige damaliger Orientierungen ermessen.</p>
      <p id="b0f9bae4-8fa8-4013-889f-09df19a03649">Viele Intellektuelle wollten nicht bloß palavern, sondern auch handeln. Sie wollten ihrer bloß empfundenen oder tatsächlichen Ohnmacht etwas entgegensetzen, und so entstand eine Spielart der Einflussnahme, die in den kommenden zehn Jahren die Öffentlichkeit in Atem halten sollte. In Italien war es der Verleger Giangiacomo Feltrinelli, der sich radikalisierte, in Westdeutschland war Ulrike Meinhof die intellektuelle Wortführerin jener Keimzelle der Aggression, die das Gewaltmonopol des Staates zu brechen suchte – beide gingen hoffnungslos unter.</p>
      <p id="a9aea78f-b421-427a-9ca1-beae486b4a05">Vielleicht wären die Vordenker der westlichen Welt einflussreicher gewesen, als sie ohnehin waren, wenn sie ›vernünftiger‹ argumentiert hätten. So urvernünftig wie Uwe Johnson, der den Staatssozialismus der DDR realiter kennengelernt und es bitter zu spüren bekommen hatte, welche Konsequenzen zu gewärtigen waren, wenn totalitäre Staaten mit ihrer Intelligentia umsprangen. Ihre völlige Rechtlosigkeit war in der Sowjetunion ebenso wie in ihren Satellitenstaaten, in China, Kambodscha und anderswo zu erleben: Völlig irre da die »Hồ-Hồ-Hồ-Chí-Minh«-Rufe auf westdeutschen Straßen.</p>
      <p id="a1be69e2-74f8-4a86-9411-c11930f072c3">Uwe Johnson lebte damals in der ›freien Welt‹, er hatte einen sehr dynamischen Weg genommen: Der Schriftsteller war mit drei Büchern rasch eine bedeutende Stimme der jungen deutschen Nachkriegsliteratur geworden. Von New York aus beobachtete Johnson, wie sich Seinesgleichen weltweit gerierten, wie sie sich im Wort vergriffen. Im Unisono antistaatlichen Protests wurde er zum kritischen Stachel im eigenen Milieu – erreichte aber kaum öffentliche Resonanz. Dem Verfasser der hier zu würdigenden Dissertation erwächst daraus die Frage, wie vor diesem Hintergrund »das kritische Potenzial seines Werks« zu gewichten sei – ist es damals »marginalisiert« worden,<xref ref-type="fn" rid="a5cc5c00-eb4b-4049-aa47-a3631e05e0fa">2</xref> wie der Verfasser meint, oder war es von marginaler Bedeutung nur?</p>
      <p id="aafba66a-a210-47d2-8e1f-7ea969e0ee2a">Die Frage, weshalb es bislang noch keine umfassende Untersuchung zu Johnson als Intellektuellem gegeben hat, lässt sich mit einem Wort Holger Helbigs beantworten: »Es ist zu viel Material.«<xref ref-type="fn" rid="a1381cb1-0b94-4248-bbb6-1a5d3f52112c">3</xref> Was Helbig auf Johnsons Haltung zum »Protest« bezog, lässt sich auch auf Johnsons Beziehung zur »Kritik« münzen, lässt sich auf seinen spezifischen Umgang mit Akteuren des Literaturbetriebes und Verlagswesens beziehen – und zeitigt notwendigerweise Defizite. Sie sollen im Folgenden benannt werden.</p>
      <p id="a3472441-58f0-4740-ae17-bfcca202cc16">Das größte Defizit der vorliegenden Arbeit ist rasch benannt: sie unterbreitet dem Leser kaum Interpretationsangebote. Eingangs wird, mit großem Aufwand, das theoretische Rüstzeug bestimmt, bevor dann – endlich!, möchte man sagen – zu Beginn des zweiten Kapitels ein erstes längeres Zitat aus einem Brief Uwe Johnsons angeführt wird:</p>
      <disp-quote>
        <p id="a7dc7bd4-303e-47cf-84d5-dc08a1717856">Allerdings lese ich heut zu Tage unablässig über die materielle Realität der Atombombe […] und begreife nicht die moralische Realität dieses Dinges. Der Unwille über das Erbe des letzten Grossen Krieges vergleicht sich in heimtückischer Weise mit dem Verdruss über die neueste deutsche Geschichte: wir sind nirgends dabeigewesen, wir wissen ungefähr wie die Angelegenheiten anständiger hätten werden eingerichtet sollen, wir verhalten uns ungefähr zu den Tatbeständen und Sachverhalten, wir weigern uns sie zu verantworten. Ihr habt eure unbändige Freude an der gelassenen Denunziation der Zustände, ich habe so zwar Spass jedoch nicht Zuversicht. [...] Solches Verhalten befindet sich als Zynismus. Mir ist unbehaglich.<xref ref-type="fn" rid="c16c6803-5160-4973-a5fc-8dd37a454605">4</xref></p>
      </disp-quote>
      <p id="aa611b33-766b-4bbd-bc62-071e05113f6b">Es ist ein ›dunkles‹ Zitat, interpretierbar und interpretationsbedürftig, und man fühlt sich sofort an Max Webers Leitunterscheidung von Gesinnungs- versus Verantwortungsethik gemahnt: ›sich verhalten‹ und ›sich verantworten‹ sind für das generationelle und generalisierende »Wir«, von dem Johnson spricht, zweierlei Maximen respektive Optionen im politischen Diskurs. Es wäre nun spannend zu lesen, welche Deutungsaspekte der Verfasser daran knüpft, wie er das Zitat zu kontextualisieren und zu interpretieren weiß: doch Steiner geht darüber hinweg, als ob es sich von selbst verstünde, wie Johnson zu lesen sei.</p>
      <p id="a8e98f7f-e818-43be-b685-36ba5c34c48e">Ich für meinen Teil verstehe wenig von dem, was Johnson da an den Leipziger Freund Manfred Bierwisch schreibt – und würde mir den Brief gern erklären lassen: Wer sind »wir«, und wer seid »ihr«? Ihr, die ihr »eure unbändige Freude an der gelassenen Denunziation der Zustände« habt? Einer Denunziation welcher Zustände denn, und wieso werden sie denunziert, und weshalb erfolgt die Denunziation in »gelassene[r]« Weise? Was kann spaßhaft daran sein, und was davon verbaut Johnson die »Zuversicht« – und womit verbindet sie sich ursprünglich? Johnson schreibt und spricht apodiktisch, ohne dass wir Nachgeborenen erklärt bekämen, wie er es gemeint haben kann.</p>
      <p id="b8005a47-55a8-4b01-a671-28f65d411c2d">Da mir die Kontexte fehlen, kann ich mit der opak-verschlüsselten Redeweise dieses Briefes wenig anfangen. Kam Manfred Bierwisch damit zurecht – hat er verstanden, worauf Johnsons Kritik gemünzt war? Wäre es nicht Aufgabe des Verfassers, uns diesen Brief zu ›übersetzen‹?</p>
      <p id="afbdebd9-30be-4deb-8a6d-5d25a2399665">Doch wird hier weitgehend so getan, als könnten die Zitate für sich selbst sprechen. Schon gleich das nächste, aus Johnsons Poetikvorlesung <italic>Begleitumstände</italic> (1979), erfährt dasselbe Schicksal: dort spricht Johnson von einer »Überarbeitung«, die der Aufbau-Verlag bei seinem Erstlingswerk <italic>Ingrid Babendererde</italic> (posthum 1985) für nötig hält, eine »Umschreibung« des Geschriebenen, die offenbar mit dem Autor debattiert worden ist und von der man sich im Lektorat eine substanzielle Änderung erhofft hat: »Eine solche, von der noch herrschenden Ideologie bestimmte Umschreibung wäre dem Verfasser an die Substanz dessen gegangen, was er als Wahrheit für vertretbar, für belegbar hielt.«<xref ref-type="fn" rid="a3e5cfa9-7947-466c-8ce1-4d6d26d39a3a">5</xref> Ein solches Zitat lässt sich trefflich ausdeuten, hinsichtlich Sprechsituation, Pragmatik und propositionalem Gehalt. Auffällig ist, wie sich Johnson hier in der Rückschau betrachtet und vom »Verfasser« spricht, als einem Alter Ego, dem die »noch« (!) »herrschende Ideologie« (nämlich welche?) einen nicht vertretbaren Eingriff in die »Substanz« (nämlich welche?) der »Wahrheit« (nämlich welcher?) abverlangt.</p>
      <p id="b63fbdff-6d9f-409d-b5a5-21404e614b4a">Tritt hier der Verlag als ›Zöllner‹ im Brechtʼschen Sinne auf, oder als Verhinderer? Verlangt er von Johnson die Herausarbeitung des Klassenstandpunktes? Soll die westliche ›Alternative‹ denunziert und der Wahrheitsanspruch des Marxismus-Leninismus beglaubigt werden? Ist mit der Ideologie der Historische Materialismus gemeint? Oder ist die »noch herrschende Ideologie« intensionsgleich mit der bürgerlichen Einstellung vieler Protagonisten, denen zwar die Hosen der Eva Mau nicht passen mögen, dafür aber ihre Haltung? Wohin tendiert dieses leerformelhafte Gerede? Johnsons Texte auszulegen und zu interpretieren, ist nicht Anspruch und Stärke dieser Doktorarbeit: Damit muss der Leser allein zurechtkommen, und vielleicht ist es ja auch gar nicht leistbar und zu rekonstruieren, was Autor und Verlag damals genau verhandelt haben. Aber wären in diesem Falle nicht zumindest die wichtigsten Deutungsalternativen zu diskutieren?</p>
      <p id="bbfa987b-001d-42ad-89e6-67bfd433146b">Dem Verfasser geht es wohl primär um Johnsons Verortung im »literarischen Feld« der frühen Nachkriegszeit, als Konrad Adenauer mit über 50 Prozent der Wählerstimmen die Bonner Republik allein regieren kann (das Bündnis der Schwesternparteien CDU und CSU bezeichnet der Verfasser irreführend als »Koalition«),<xref ref-type="fn" rid="afda9a55-0386-4239-9b28-a66cc5beba0c">6</xref> und als sich in der Bundesrepublik allmählich ein Mentalitäts- und Politikwechsel abzuzeichnen beginnt und auch im Verhältnis zur DDR ein neuer Ton gesucht und angeschlagen wird.</p>
      <p id="a64eb258-198b-42fe-9c36-bd6760b2cf5b">Für unbegründet halte ich die These des Verfassers, dass in der Rezeption von Johnsons Debüt <italic>Mutmassungen über Jakob</italic> (1959) eine »unparteiliche gesamtdeutsche Perspektive auf die Gegenwart gewürdigt« worden sei.<xref ref-type="fn" rid="a7d64aa2-3862-4687-a613-fc78cbda0164">7</xref> Hans Magnus Enzensberger, damals in der multiplen Funktion des Autors, Beraters und Lektors auch publizistisch hervorgetreten, spricht beispielsweise vom »zentrale[n], zum Himmel schreiende[n] Thema der deutschen Teilung«,<xref ref-type="fn" rid="b1a877b5-2470-4615-88af-b3e888d1190e">8</xref> das in Johnsons Roman verhandelt werde: Man ersetze das Wort »Thema« durch das eigentlich gemeinte »Unrecht«, und es wird deutlich, dass man in der ›alten‹ Bundesrepublik so wenig unparteiisch sein konnte, wie man sich in der DDR der »Parteilichkeit« entziehen durfte. Auch Siegfried Unseld, Johnsons Verleger, sprach in einem Brief an Wolfgang Koeppen von der DDR als »Land ohne Freude« und hielt die Existenz dieses Staates für inakzeptabel:<xref ref-type="fn" rid="a1668d91-9e95-41be-b806-ba51433560b9">9</xref> Er hat Johnsons Intention besser verstanden und geschickter benannt als die kulturkonservative, teils auch gehässige westdeutsche Rezeption, die vom Autor ein Bekenntnis zum ›Westen‹ erwartete, während die DDR in ihm einen Renegaten und Überläufer sah, der sie denunzieren wolle.</p>
      <p id="ae99dbc5-5079-4e8f-afed-61770d546ee2">Johnson blieb vorsichtig: Natürlich war er nicht bloß »umgezogen«, sondern er war bewusst von Ost- nach West-Berlin übergesiedelt, das dem Viermächtestatus unterstand – und es ist sachlich falsch, wenn der Verfasser von Johnsons »Umzug in die Bundesrepublik« spricht.<xref ref-type="fn" rid="cbbd7a7c-477a-447e-a7c8-d16ea7d68b47">10</xref> Johnson kannte die sensible politische Nomenklatur der deutschen Teilung genau, die besonders eben die Enklave der ehemaligen Reichshauptstadt Berlin betraf: Ihr zufolge konnte Ost-Berlin zwar »Hauptstadt der DDR« genannt werden, durfte aber nicht »Teil« der DDR sein – denn völkerrechtlich war der östliche Teil Berlins kein konstitutiver Teil der DDR und ist es entsprechend bis zu ihrem Ende 1990 auch niemals geworden.</p>
      <p id="a22facb4-b501-4d49-a770-60b9d154c109">Steiner wertet Johnsons Haltung im sozialistisch-kapitalistischen »Systemkonflikt« deutsch-deutscher »Verhältnisse« als »Neutralität«, die »für seine literarische Praxis« notwendig gewesen sei.<xref ref-type="fn" rid="f9bec403-4600-4a8c-bd93-16f54b8083d5">11</xref> Doch der faktisch vollzogene (Grenz-)Übergang, der zugleich einen Systemwechsel zeitigte, lässt diese Lesart kaum zu: Mit Neutralität kommt man nicht weit – weit und weiter kommt man, wenn man die ›zwei Ansichten‹ zulässt und diskutiert, die sich perspektivisch ergeben, wenn man die Seiten wechselt. In der Konsequenz verliert Johnson den ostdeutschen Buchmarkt, auf dem seine Bücher niemals erscheinen werden; er gewinnt aber im höchsten Maße Freizügigkeit und die lebenslange Fürsprache des vielleicht bedeutendsten Verlegers der Bundesrepublik. Die außergewöhnliche Reputation, die ihm als Autor zuwächst, kann letztlich von keinem Jürgen Rühle, von keinem Hermann Kesten ernstlich beschädigt werden, mag er sich in Mailand auch ungeschickt geäußert haben, als er zu erklären versuchte, warum die DDR die Mauer bauen musste. Steiner walzt diesen berühmt gewordenen Streitfall gehörig aus, er ist sein Paradebeispiel für einen Vorgang, den er mit Bourdieu die »Etablierung im literarischen Feld« nennt und deren Teilaspekt – die »Auseinandersetzung mit Hermann Kesten« – knapp 40 Seiten umfasst.<xref ref-type="fn" rid="a24b6abf-1209-4a1c-92fa-1eefc134b615">12</xref> Am Ende kommt Steiner zu der überraschenden These, dass die »öffentliche Person Uwe Johnson […] nur durch ihr Schreiben greifbar« werde.<xref ref-type="fn" rid="aa53cda0-dc68-4bef-97b8-b4af3f87d36a">13</xref> Das ist absolut nicht nachvollziehbar, denn durch Johnsons öffentliche Interventionen sind wir gerade vom Gegenteil überzeugt worden: Johnson hat – greifbar als streitbare Instanz des literarischen Lebens – in jener Mailänder Buchpremiere des Verlegers Feltrinelli Stellung bezogen, er hat in einer Frankfurter Poetikvorlesung persönlich Bilanz gezogen, er hat – zusammen mit seinem Verleger – Pressekonferenzen anberaumt, und er ist bei seinen Lesereisen keine Antwort auf Fragen nach Kesten, nach der DDR, nach dem Mauerbau oder nach dem politischen Protest seiner Schriftstellerfreunde schuldig geblieben. Er ist natürlich als Intellektueller von Format kein Schreibtischtäter bloß, der für eine literarische Öffentlichkeit nicht greifbar wäre, und er nutzt sogar den ›offenen Brief‹ mit dem Ziel, öffentlichkeitswirksam in Erscheinung zu treten. Johnson entwickelt ein gutes Gespür für Angemessenheit, die ihn zu einem Hauptprotagonisten des Literaturbetriebes macht.</p>
      <p id="ab69052d-fce0-4318-a361-9000f9348fdc">Auf das Mailänder traumatische Erlebnis richtet Steiner sein Hauptaugenmerk, doch verwechselt er die Behutsamkeit und Entschiedenheit, mit der Johnson künftig zur DDR und zum Mauerbau Stellung beziehen wird, mit Neutralität. Neutral aber wollte Johnson niemals sein, auch wenn alle seine Bücher (und sogar sein nachgetragener Erstling) seine Aversion gegen jegliche Form ideologischer Vereinnahmung erkennen lassen – einer Form der Gängelung, wie sie gelegentlich auch im Freundes- und Kollegenkreis aufgetreten zu sein scheint. Es ging Johnson um Unabhängigkeit, denn er konnte bei vielen seiner Freunde, in der Bundesrepublik wie in der DDR, eine Selbstbeschädigung durch unsachliche und überzogene Stellungnahmen im weltanschaulichen Diskurs beobachten. Einige dieser teils abwegigen Haltungen zur politischen Kultur in Westdeutschland, Stimmen von »Fünfzehn Deutsche[n] über Deutschland«, druckte Wolfgang Weyrauch in seinem Sammelband <italic>Ich lebe in der Bundesrepublik</italic> (1960).<xref ref-type="fn" rid="e38ad541-de05-4d13-9565-02a914f455d0">14</xref> Ein Ärgernis, und es überrascht nicht, dass sich Johnson weder hier noch an Martin Walsers Sammelband <italic>Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung?</italic> (1961) beteiligen konnte – er bevorzugte den Status eines distanzierten Beobachters, statt für einen Kanzlerkandidaten Willy Brandt einzutreten.<xref ref-type="fn" rid="a02995fb-170d-49ef-84b8-2904d112cacb">15</xref> Er respektierte, was er dem Wohnsitzwechsel zu verdanken hatte: die größtmögliche Freizügigkeit, und auch die Freiheit, sich herauszuhalten. Bücher, die sich <italic>Die Alternative</italic> nennen, konnten ohnehin nur im Westen erscheinen, denn der Sozialismus ließ keine abweichenden Lehrmeinungen zu.</p>
      <p id="a0ed4bab-a7ed-46b1-9371-cb9c1a1f43cb">Johnson hatte vielen seiner Kollegen die Erfahrung Ostdeutschlands voraus. Mit den Leipziger Freunden hält er, so gut es geht, Kontakt, und er macht sich keine Illusionen über den ›stalinistischen‹ Kurs der dortigen Kulturpolitik, dem noch zahllose Autoren und Intellektuelle bitter zum Opfer fallen werden. Der Verfasser hätte zeigen können, dass Johnson in seinem zweiten Roman, <italic>Das dritte Buch über Achim</italic> (1961), eine Debatte (erneut) aufgreift, die schon den Leipziger Studenten nolens volens umgetrieben hatte: Johnsons Arbeit über den Realismusbegriff des ungarischen Germanisten Georg Lukács liefert die Steilvorlage für sein Literaturverständnis in dessen vielleicht intellektuell spannendster Entwicklungsphase.</p>
      <p id="a6fd71e9-2b7b-45b7-9b21-066bd53a4a1b">Seine Ausdrucksweise, hier als »reflexive[s] Schreiben« charakterisiert, ist dabei häufig interpretationsbedürftig, ja ›dunkel‹, so dass Ironie sowie das bewusste Unterlaufen einer »Erwartungshaltung« zum Programm erklärt werden kann.<xref ref-type="fn" rid="aa2c8366-742d-4579-8187-103f2db1b1ac">16</xref> Apropos Programm: Im Vorwort zu seinen im West-Berliner <italic>Tagesspiegel</italic> erschienenen Rezensionen des DDR-Fernsehens (1964; als Buch <italic>Der 5. Kanal</italic> erschienen 1987) kommentiert Johnson die westdeutsche Realitätsverweigerung gegenüber ostdeutschen Medien, weil man sich damit »die Option der Wiedervereinigung«<xref ref-type="fn" rid="a3f7d335-2ca1-4c1a-af8d-a4817551d1c6">17</xref> verbauen würde: mittels Bezugnahme auf ein Palmström-Gedicht Christian Morgensterns spricht Johnson von der »Illusion der Wiedervereinigung«, die sich der Westen »bewahr[en]« müsse.<xref ref-type="fn" rid="aa581a08-ac6d-4d32-9aa7-213b3d4b8412">18</xref> In jenem Kapitel bekommen wir Einblick in den bislang unveröffentlichten Briefwechsel mit dem Leipziger Freundeskreis. Insbesondere Manfred Bierwisch wird ausführlich zitiert, der Johnsons Rezensionen schon im Vorhinein skeptisch sieht. Bierwisch befürchtet, Johnson könnte seinen Lesern zu viel zumuten, auch sprachlich, wenn er Formate des DDR-Fernsehens, darunter Karl-Eduard von Schnitzlers polemisches Polit-Magazin <italic>Der Schwarze Kanal</italic>, bespricht: »Schnörkel und Semigrammatikalitäten« möchten sein Publikum überfordern, statt es von der »überaus wirklichen Faktizität des Reportierten« zu überzeugen.<xref ref-type="fn" rid="ac4f9af5-7f03-40a1-b934-e83e0cb5aa06">19</xref> Schnell sieht sich der Linguist Bierwisch in seinen Befürchtungen bestätigt: Klar sei nur, dass dem Verfasser sein »Sprachgebrauch im Wege« stehe,<xref ref-type="fn" rid="af58f04a-a4a7-42bc-8a19-45c13f0b6c41">20</xref> so dass »die Syntax der Besprechungen« ins Auge falle, »kaum aber ihre Haltung und ihr Sinn«.<xref ref-type="fn" rid="f8877655-4901-4288-aae9-2e425a4d30ea">21</xref> Die im Berliner <italic>Tagesspiegel</italic> veröffentlichten Beiträge ziehen kritische Leserpost nach sich, und die »sprachlichen Sondergesten« irritieren die Zeitungsleser vermutlich ebenso wie die oftmals vieldeutigen Haltungen ihres Verfassers.<xref ref-type="fn" rid="af494e20-4eb3-411c-b413-0925ce88525d">22</xref> Anderen Fernsehkritikern gelingt es besser, klar Standpunkt zu beziehen, darunter Walter Jens in seiner <italic>Momos</italic>-Kolumne für die Wochenzeitung <italic>Die Zeit</italic>. Jens aber ist heute vergessen, Johnson hingegen wird historisch-kritisch ediert!</p>
      <p id="faffdd36-e45a-4270-a822-4f674553c5ef">Jede Dissertation zu Uwe Johnson hat sich, wie allein schon Bierwisch verdeutlicht, mit den Besonderheiten seiner Sprachpraxis auseinanderzusetzen, hat mit seiner Syntax, Semantik und Zeichensetzung zu kämpfen, von der man sich bisweilen fragt, ob sie in dieser kruden Form nötig sei. Das Sonderbare kann aber auch reizvoll und dazu dienlich sein, vorschnellen und dadurch falschen Vereinnahmungen von ungewollter Seite entgegen zu wirken. Johnson bewahrt sich seine Unabhängigkeit, wo andere Medienschaffende ihre Unvoreingenommenheit und damit ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Mit vielen von ihnen steht Johnson in direktem Kontakt – man denke an Hannah Arendt, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass oder Martin Walser –, und diese finden, anders als »ostdeutsche Betrachter«,<xref ref-type="fn" rid="a054af88-ec52-4d57-94f0-95a5ae812841">23</xref> jederzeit ein Medium für ihre publizistischen Interventionen.</p>
      <p id="ac2f60f1-5b38-4fbd-b0d5-c939693c8881">Alle Sprach- und Formulierungspraxis setzt sich in besonderer Weise aus, und zwar gerade in jenen Jahren, wenn es Johnson darum zu tun sein muss, Simplifizierungen zu vermeiden. Sind seine »Fernsehkritiken als politischer Protest« zu werten,<xref ref-type="fn" rid="a0f21358-69c2-4372-80c0-8fdbb2517bc8">24</xref> wie Steiner glaubt, und wogegen richtet sich sein Aufbegehren gegebenenfalls? Oder wollen sie um Verständnis werben für ein Medium im Wettstreit der Systeme? Bierwisch jedenfalls glaube nicht an die Möglichkeit einer »neutrale[n] Perspektive« im deutsch-deutschen Ost-West-Konflikt,<xref ref-type="fn" rid="ce69b61a-0c8e-4caa-9e67-55d3d5c68e01">25</xref> so Steiner.</p>
      <p id="a7496b39-b2b2-4db5-86be-f2b8248b543f">Die Frage, wo sich Johnson Mitte der 1960er Jahre »politisch verorten« lässt,<xref ref-type="fn" rid="e6f69365-9262-46e9-a9c1-970596196809">26</xref> beantwortet Steiner vage mit einer distanziert-reflektierten Nähe zur Sozialdemokratie. Die von Egon Bahr und Willy Brandt gefundene Losung »Wandel durch Annäherung« im Verhältnis zur DDR müsse Johnsons »realpolitischen, kleinschrittigen Vorstellungen« entsprochen haben.<xref ref-type="fn" rid="ae613d8d-a593-40c9-9afb-1cc9e44c7448">27</xref> Johnson bleibt jedoch Solitär und lässt sich parteipolitisch nicht vereinnahmen. Interessant erscheint mir hier Steiners Hinweis auf Arnold Gehlens Intellektuellenkritik: im Spannungsfeld von »Gesinnungsethik« und »Verantwortungsethik« scheint Johnson letzterer zuzuneigen,<xref ref-type="fn" rid="aaf08f20-d1ce-4f19-a237-f6ee8aa2f2f7">28</xref> und die lässt sich nicht so leicht zu Markte tragen. Eine <italic>littérature engagée</italic> lehnt Johnson ab, und 1966 spricht er sogar abschätzig »von der lächerlichen Tagung der so genannten Gruppe 47« in Princeton.<xref ref-type="fn" rid="a2b42b55-0af8-40bf-8963-b6466bedf235">29</xref> Die fragliche Gruppierung, die sich immer wieder selbst ›untersagt‹ hatte, zur Tagespolitik Stellung zu beziehen (und gleichzeitig immer wieder politische Resolutionen verabschiedet hatte), war in den USA für Johnsons Geschmack zu weit gegangen: Dort nämlich hatten einige deutsche Schriftsteller gemeint, sie könnten den USA für den Vietnamkrieg die Leviten lesen – eine Intervention als Mischung aus Oberflächlichkeit und Überheblichkeit, wie Siegfried Mandel mit Blick auf Reinhard Lettau, Fritz J. Raddatz und Peter Weiss befand. Es ist evident, dass sich Johnson solch ebenso vorwitzigen wie vollmundigen Verlautbarungen von Gästen der Princeton University nicht anschließen mochte. Er setzte vielmehr auf Anschauung, auf ein vorbehaltloses Eintauchen in die Lebenswirklichkeit dieser fremd-vertraut wirkenden Welt und ihrer Metropole New York.</p>
      <p id="d7ac0b2b-799e-4917-87c3-d465e677742d">Wenn dies auch alles hinlänglich bekannt und bereits vielfach beforscht worden ist, so kann Steiner doch auf eine Entdeckung verweisen, die offensichtlich noch niemand näher beleuchtet hat: das Typoskript eines 1967 in Yale gehaltenen Vortrags zur deutsch-deutschen Befindlichkeit, das Steiner als »direktes Bindeglied« zu den späteren <italic>Jahrestagen</italic> (1970–1983) lesen möchte und versteht.<xref ref-type="fn" rid="afc6830e-0064-4859-9752-0a5789871a35">30</xref> Steiner begleitet und paraphrasiert Johnsons englischsprachige Ausführungen freilich auf eine Weise, die mir teils das genaue Gegenteil dessen zu besagen scheint, was Johnson seinem offenkundig bestens orientierten Auditorium mitzuteilen suchte. Im Kern geht es darum, die gesellschaftlichen und politischen Divergenzen auf unterschiedlich begrenzte Handlungsoptionen ›hüben‹ wie ›drüben‹ zu beziehen, so zwar, dass auch die Aufspaltung des literarischen Feldes in Ost und West verstehbar wird. Zwei deutsche Literaturen würden infolge der deutschen Teilung entstehen und einen jeweils regionalisiert beschränkten Fokus entwickeln.</p>
      <p id="dc8747b2-50ab-47a0-a00c-446bb3e4b9af">Mit dem Jahr 1968 als Zäsur im Selbstverständnis einer unter Druck geratenen Nachkriegsgesellschaft stellt sich für Steiner schließlich die Frage aller Fragen, wo Uwe Johnson politisch stünde – ist er »als Musterbeispiel eines Neuen Linken lesbar«?<xref ref-type="fn" rid="a685bf00-c7bb-4592-a10f-f91a224e7732">31</xref> Oder bleibt er der distanzierte Beobachter, der sich weltanschaulich nicht vereinnahmen lassen will?</p>
      <p id="a402e011-f63e-4791-bf15-157ceb420c2e">Im <italic>Jahrestage</italic>-Kapitel werden zunächst Positionen der Forschung referiert, um dann exemplarisch den 22. Oktober 1967 als Modellfall schwindender »Gewissheiten der Moderne« zu lesen: die intellektuellen Deutungsmuster, die als politische Version oder als Geschichtsphilosophie kursieren oder als Standortbestimmungen der (zumeist) politisch Linken gelten, verlieren augenscheinlich an Relevanz.<xref ref-type="fn" rid="f0677e94-e273-423f-800e-7d1364496136">32</xref> Das, was Steiner unglücklich als »Suche der Kritik« bezeichnet,<xref ref-type="fn" rid="a325ac1e-a324-495b-8544-8a5464853974">33</xref> umfasst einen emanzipatorischen Prozess Johnsons (wie vielleicht auch seiner Leserschaft), eine »eigene kritische Praxis« zu etablieren,<xref ref-type="fn" rid="a60a580a-96dc-4ef5-abbd-e48ca7d65321">34</xref> die sich von politischen Gemeinplätzen ebenso wie von weltanschaulichen Vereinnahmungen emanzipiert. Diese Haltung, davon ist Steiner überzeugt, ermöglicht – erschwert aber auch – die Rezeption des Œuvres: »Die seinem Werk inhärente Anspruchshaltung riskiert eine Limitierung des Rezipientenkreises.«<xref ref-type="fn" rid="aaf452c2-f3de-4695-abc0-ff93e1c505f8">35</xref></p>
    </sec>
  </body>
  <back>
    <ref-list>
      <title>LITERATURVERZEICHNIS</title>
      <ref id="bib1">
        <mixed-citation>Karl Markus Michel: Die sprachlose Intelligenz III, in: Kursbuch 9, 1967, S. 200-226.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib2">
        <mixed-citation>Philipp Steiner: Die Suche der Kritik. Uwe Johnson als Intellektueller in den langen 1960er Jahren, Göttingen 2025.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib3">
        <mixed-citation>Holger Helbig: Die guten Leute sollen das Maul halten. Uwe Johnson protestiert, in: Johnson-Jahrbuch 18, 2011, S. 125-149.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib4">
        <mixed-citation>Uwe Johnson an Manfred Bierwisch, 10.9.1957, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/060053, Bl. 27.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib5">
        <mixed-citation>Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt am Main 1980.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib6">
        <mixed-citation>Hans Magnus Enzensberger: Die große Ausnahme, in: Frankfurter Hefte 14, H. 12, 1959, S. 910-912.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib7">
        <mixed-citation>Uwe Neumann (Hg.), Johnson-Jahre. Zeugnisse aus sechs Jahrzehnten, Frankfurt am Main 2007.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib8">
        <mixed-citation>Siegfried Unseld an Wolfgang Koeppen, 19.7.1960, in: »Ich bitte um ein Wort…«. Wolfgang Koeppen / Siegfried Unseld. Der Briefwechsel, hg. von Alfred Estermann und Wolfgang Schopf, Frankfurt am Main 2006.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib9">
        <mixed-citation>Wolfgang Weyrauch (Hg.): Ich lebe in der Bundesrepublik: Fünfzehn Deutsche über Deutschland, München 1960.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib10">
        <mixed-citation>Martin Walser (Hg.): Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung?, Reinbek 1961.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib11">
        <mixed-citation>Transkription von Johnsons Äußerungen auf der Mailänder Veranstaltung, 11.11.1961, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/152070, Bl. 16.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib12">
        <mixed-citation>Manfred Bierwisch an Uwe Johnson, 2.6.1964, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/101417, Bl. 26.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib13">
        <mixed-citation>Manfred Bierwisch an Uwe Johnson, 14.-15.6.1964, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/101423, Bl. 32-34.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib14">
        <mixed-citation>Uwe Johnson an Manfred Bierwisch, 17.6.1964, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/101425, Bl. 36-37.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib15">
        <mixed-citation>Philipp Steiner: »für den Fall, wir sehen uns eines Tages wieder«. Uwe Johnson diskutiert mit Manfred Bierwisch über das Fernsehen der DDR, in: Johnson-Jahrbuch 27, 2020, S. 115-134.</mixed-citation>
      </ref>
      <ref id="bib16">
        <mixed-citation>Uwe Johnson an die Leipziger Freunde, 20.5.1966, in: »Die Katze Erinnerung«. Uwe Johnson – Eine Chronik in Briefen und Bildern, zusammengestellt von Eberhard Fahlke, Frankfurt am Main 1994.</mixed-citation>
      </ref>
    </ref-list>
    <fn-group content-type="footnotes">
      <title>Footnotes</title>
      <fn id="a5ffdb05-2d2e-406b-8871-cd72b7b03bc1">
        <label>1</label>
        <p> Vgl. Karl Markus Michel: Die sprachlose Intelligenz III, in: Kursbuch 9, 1967, S. 200-226. [1]</p>
      </fn>
      <fn id="a5cc5c00-eb4b-4049-aa47-a3631e05e0fa">
        <label>2</label>
        <p> Philipp Steiner: Die Suche der Kritik. Uwe Johnson als Intellektueller in den langen 1960er Jahren, Göttingen 2025 [2], S. 9.</p>
      </fn>
      <fn id="a1381cb1-0b94-4248-bbb6-1a5d3f52112c">
        <label>3</label>
        <p> Holger Helbig: Die guten Leute sollen das Maul halten. Uwe Johnson protestiert, in: Johnson-Jahrbuch 18, 2011, S. 125-149 [3], hier: S. 145, zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 14.</p>
      </fn>
      <fn id="c16c6803-5160-4973-a5fc-8dd37a454605">
        <label>4</label>
        <p> Uwe Johnson an Manfred Bierwisch, 10.9.1957, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/060053, Bl. 27 [4], zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 35f.</p>
      </fn>
      <fn id="a3e5cfa9-7947-466c-8ce1-4d6d26d39a3a">
        <label>5</label>
        <p> Uwe Johnson: Begleitumstände. Frankfurter Vorlesungen, Frankfurt am Main 1980 [5], S. 89, zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 39.</p>
      </fn>
      <fn id="afda9a55-0386-4239-9b28-a66cc5beba0c">
        <label>6</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 40.</p>
      </fn>
      <fn id="a7d64aa2-3862-4687-a613-fc78cbda0164">
        <label>7</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 43.</p>
      </fn>
      <fn id="b1a877b5-2470-4615-88af-b3e888d1190e">
        <label>8</label>
        <p> Hans Magnus Enzensberger: Die große Ausnahme, in: Frankfurter Hefte 14, H. 12, 1959, S. 910-912 [6], zitiert nach: Uwe Neumann (Hg.), Johnson-Jahre. Zeugnisse aus sechs Jahrzehnten, Frankfurt am Main 2007 [7], S. 29. Steiner greift diese Textstelle in seiner Dissertation ebenfalls auf; vgl. Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 43.</p>
      </fn>
      <fn id="a1668d91-9e95-41be-b806-ba51433560b9">
        <label>9</label>
        <p> Siegfried Unseld an Wolfgang Koeppen, 19.7.1960, in: »Ich bitte um ein Wort…«. Wolfgang Koeppen / Siegfried Unseld. Der Briefwechsel, hg. von Alfred Estermann und Wolfgang Schopf, Frankfurt am Main 2006 [8], S. 38.</p>
      </fn>
      <fn id="cbbd7a7c-477a-447e-a7c8-d16ea7d68b47">
        <label>10</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 40.</p>
      </fn>
      <fn id="f9bec403-4600-4a8c-bd93-16f54b8083d5">
        <label>11</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 45.</p>
      </fn>
      <fn id="a24b6abf-1209-4a1c-92fa-1eefc134b615">
        <label>12</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 54-93.</p>
      </fn>
      <fn id="aa53cda0-dc68-4bef-97b8-b4af3f87d36a">
        <label>13</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 91.</p>
      </fn>
      <fn id="e38ad541-de05-4d13-9565-02a914f455d0">
        <label>14</label>
        <p> Vgl. Wolfgang Weyrauch (Hg.): Ich lebe in der Bundesrepublik: Fünfzehn Deutsche über Deutschland, München 1960. [9]</p>
      </fn>
      <fn id="a02995fb-170d-49ef-84b8-2904d112cacb">
        <label>15</label>
        <p> Vgl. Martin Walser (Hg.): Die Alternative oder Brauchen wir eine neue Regierung?, Reinbek 1961. [10]</p>
      </fn>
      <fn id="aa2c8366-742d-4579-8187-103f2db1b1ac">
        <label>16</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 91.</p>
      </fn>
      <fn id="a3f7d335-2ca1-4c1a-af8d-a4817551d1c6">
        <label>17</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 114.</p>
      </fn>
      <fn id="aa581a08-ac6d-4d32-9aa7-213b3d4b8412">
        <label>18</label>
        <p> Transkription von Johnsons Äußerungen auf der Mailänder Veranstaltung, 11.11.1961, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/152070, Bl. 14-17 [11], hier: Bl. 16, zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 115.</p>
      </fn>
      <fn id="ac4f9af5-7f03-40a1-b934-e83e0cb5aa06">
        <label>19</label>
        <p> Manfred Bierwisch an Uwe Johnson, 2.6.1964, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/101417, Bl. 26. [12], zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 118.</p>
      </fn>
      <fn id="af58f04a-a4a7-42bc-8a19-45c13f0b6c41">
        <label>20</label>
        <p> Manfred Bierwisch an Uwe Johnson, 14.-15.6.1964, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/101423, Bl. 32-34 [13], hier: Bl. 33, zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 120.</p>
      </fn>
      <fn id="f8877655-4901-4288-aae9-2e425a4d30ea">
        <label>21</label>
        <p> Manfred Bierwisch an Uwe Johnson, 14.-15.6.1964 [13], Bl. 32, zitiert nach: Philipp Steiner: »für den Fall, wir sehen uns eines Tages wieder«. Uwe Johnson diskutiert mit Manfred Bierwisch über das Fernsehen der DDR, in: Johnson-Jahrbuch 27, 2020, S. 115-134 [15], hier: S. 121. Steiner greift diese Textstelle in seiner Dissertation ebenfalls auf; vgl. Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 119.</p>
      </fn>
      <fn id="af494e20-4eb3-411c-b413-0925ce88525d">
        <label>22</label>
        <p> Manfred Bierwisch an Uwe Johnson, 2.6.1964 [12], zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 118.</p>
      </fn>
      <fn id="a054af88-ec52-4d57-94f0-95a5ae812841">
        <label>23</label>
        <p> Uwe Johnson an Manfred Bierwisch, 17.6.1964, in: Uwe Johnson-Archiv Rostock (Depositum der Johannes und Annitta Fries Stiftung), UJA/H/101425, Bl. 36-37 [14], hier: Bl. 36, zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 121.</p>
      </fn>
      <fn id="a0f21358-69c2-4372-80c0-8fdbb2517bc8">
        <label>24</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 108.</p>
      </fn>
      <fn id="ce69b61a-0c8e-4caa-9e67-55d3d5c68e01">
        <label>25</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 129.</p>
      </fn>
      <fn id="e6f69365-9262-46e9-a9c1-970596196809">
        <label>26</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 133.</p>
      </fn>
      <fn id="ae613d8d-a593-40c9-9afb-1cc9e44c7448">
        <label>27</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 135.</p>
      </fn>
      <fn id="aaf08f20-d1ce-4f19-a237-f6ee8aa2f2f7">
        <label>28</label>
        <p> Vgl. Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 136.</p>
      </fn>
      <fn id="a2b42b55-0af8-40bf-8963-b6466bedf235">
        <label>29</label>
        <p> Uwe Johnson an die Leipziger Freunde, 20.5.1966, in: »Die Katze Erinnerung«. Uwe Johnson – Eine Chronik in Briefen und Bildern, zusammengestellt von Eberhard Fahlke, Frankfurt am Main 1994 [16], S. 179, zitiert nach: Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 142.</p>
      </fn>
      <fn id="afc6830e-0064-4859-9752-0a5789871a35">
        <label>30</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 145.</p>
      </fn>
      <fn id="a685bf00-c7bb-4592-a10f-f91a224e7732">
        <label>31</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 174.</p>
      </fn>
      <fn id="f0677e94-e273-423f-800e-7d1364496136">
        <label>32</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 213.</p>
      </fn>
      <fn id="a325ac1e-a324-495b-8544-8a5464853974">
        <label>33</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 210.</p>
      </fn>
      <fn id="a60a580a-96dc-4ef5-abbd-e48ca7d65321">
        <label>34</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 214.</p>
      </fn>
      <fn id="aaf452c2-f3de-4695-abc0-ff93e1c505f8">
        <label>35</label>
        <p> Steiner, Die Suche der Kritik [2], S. 215.</p>
      </fn>
    </fn-group>
  </back>
</article>
